Ich-Perle (perlmuttfarben, klein) Ganz nah an der großen Gottesperle, durch die Stille mit ihr verbunden, findet sich eine Perle, die man nie in einem Gebetsband erwarten würde und die mir als evangelische Christin besonders wichtig ist: die kleine weiße perlmuttfarbene Ich-Perle. Der Mensch ist unmittelbar zu Gott, hat Martin Luther vor bald 500 Jahren behauptet und damit eigentlich nichts Neues gesagt gegenüber Jesus von Nazareth. Aber revolutionär genug war es für seine Zeit. Das Ich darf nahe bei der Gottesperle liegen und dazwischen ist nur die Stille. Keine Instanz, die ihm das Heil verkaufen oder verwalten muss, niemand, der dazwischen steht, aber auch niemand, der einem das Glauben und das Fragen nach Gott abnehmen könnte.
Der Mensch ist unmittelbar zu Gott. Diese Perle ist kein Freibrief für Egoismen aller Art. Sie hilft uns „Ich“ zu sagen in einem tiefern Sinn. Als Kind brauchten wir glatte drei Jahre bis wir gelernt haben „ich“ zu sagen, lange nachdem wir Mama und Papa und viele andere aufzählen konnten. Und manch einer lernt es ein Leben lang nicht, wirklich „ich“ zu sagen, und damit zu leben, was in ihm steckt, Verantwortung zu übernehmen und sich nicht zu verstecken hinter anderen.
Taufperle (weiß) Sieh auf dich selbst mit Liebe. Du bist eine Perle unter anderen Perlen. Das bedeutet die Ich-Perle an diesem Gebetsband. Und neben ihr liegt groß und weiß die Taufperle. Zu dem Ja, das wir uns selbst sagen können, kommt das größere Ja, das Gott zu uns sagt: Du bist mein liebes Kind, an dem ich Wohlgefallen habe, diese Liebeserklärung Gottes durfte nicht nur Jesus bei seiner Taufe hören, sondern auch jeder Getaufte unter uns.
Wüsten-Perle (sandfarben) Die nächste Perle führt an einen Ort, wo das Leben nicht mehr selbstverständlich fließt. Wo man erschöpft ist vom Kämpfen und Zweifeln, von zerrütteten Beziehungen und nicht mehr weiß, wie es weitergehen soll. Die Wüsten-Perle ist Teil dieses Gebetsbandes, damit wir diese Wüstenzeiten ins Gebet nehmen und sie nicht getrennt von Gott verbringen. Und damit wir uns dieser Zeiten in unserem Leben nicht schämen, sondern wissen, dass wir durch sie reifer werden. Denn in der Wüste, weitab von den Ablenkungen und Sicherheiten des Kulturlandes, stellen und klären sich die entscheidenden Lebensfragen, erzählt die Bibel.
Mose flieht in die Wüste, nachdem er den ägyptischen Aufseher erschlagen hat; er verstößt sich selbst aus der Gemeinschaft mit den Menschen, aber Gott lässt sich ausgerechnet hier von ihm finden und gibt ihm die große Verantwortung für sein Volk. Hier in der Wüste stellt sich den Israeliten die Frage, wem sie vertrauen, welches die Quellen sind, aus denen sie leben wollen, als sie Hunger und Durst haben und nichts mehr tun können, um ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Und hier in der Wüste erlebt Jesus die Versuchungen, denen wir Menschen ausgesetzt sind - Gier, Machtstreben, das pralle Leben des Eigennutzes. Und er sagt in großer Klarheit „Nein“ dazu und setzt auf das Vertrauen und die Liebe in allem, was er vor sich hat. Auf solche Scheidewege führt uns die Wüstenperle und hilft uns erkennen, was wichtig und unwichtig ist.
Anmerkung der Redaktion: die Perlen des Glaubens werden hier im zweimonatlichen Rhythmus beschrieben, als nächstes folgen die Perle der Gelassenheit und zwei Perlen der Liebe in Kalenderwoche 44.